Experiment Dialog Demokratie

Am 19. Januar fand unsere Veranstaltung Experiment Dialog-Demokratie im silent green Kulturquartier in Berlin-Wedding statt. In einem interaktiven Workshop wurden Bürger*räte modellhaft nachgestellt und Raum für Inspiration und Austausch mit anderen Demokratie-Interessierten geschaffen. Drei Kleingruppen erarbeiteten mithilfe eines Moderierenden und einer ausgewählten Dialogmethode politische Themen, die anschließend in einer Diskussionsrunde vorgetragen wurden. Woher kam die Initiative, was war unser Ziel und wie wurde der Tag letztendlich gestaltet? Ein Einblick.

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Bürgerrat – Was ist das?

Der Bürger*rat ist ein Bürger*beteiligungsverfahren, das primär dazu dient, in kurzer Zeit die Meinungen von Bürger*n einzuholen und in wechselnden Kleingruppen Lösungsansätze politisch relevanter Themen zu diskutieren. Die Resultate werden daraufhin in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht und auf politischer Ebene vorgetragen. Die Methode ist nicht nur die Repräsentation eines dialog-orientierten Ansatzes, sondern auch einer deliberativer Demokratie, welche die Eigenverantwortung, Selbstorganisation und politische Sensibilität der Bürger* fördert.

 Bürgerräte folgen einem gewissen Ablaufschema.

Für gewöhnlich finden sich die Teilnehmenden für mindestens 3 Tage, manchmal aber auch bis zu fünf Wochenenden zusammen, um in Kleingruppen verschiedene Themen zu erarbeiten. Ein Moderator* pro Gruppe sorgt für faire Rahmenbedingungen während der Diskussion. Grundsätzlich werden folgende Schritte durchlaufen:

1. Kennenlernen

2. Alle Menschen auf den gleichen Stand zum Thema bringen

3. Experten-Input

4. Deliberations / Kleingruppenphase

5. Ergebnispräsentation und Abstimmung

Im Dialog um Demokratie – die Moderation

Während des Bürger*rats sind alle Teilnehmenden dazu eingeladen, aktiv an einem Entscheidungsprozess teilzunehmen und sich über ausgesuchte Themen und Anliegen angeregt auszutauschen. Da die Zusammensetzung der Gruppen, wie auch bei unserem Workshop, nach dem Zufallsprinzip erfolgt und somit eine große Vielfalt an Fragen und Lösungsansätzen entsteht, wird den Teilnehmenden eine Moderation zur Seite gestellt.

In unserem Workshop entschieden wir uns dazu, 3 verschiedene Moderationsmethoden in unseren 3 Gruppen anzuwenden. Jede Methode diente dazu, die bestmögliche Ausarbeitung der Themen für die Teilnehmer* zu ermöglichen. Was konnten wir erreichen beziehungsweise wie war das Feedback?

 

1. Methode: Dynamic Facilitation

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Die Dynamic Facilitation Moderationsmethode eignet sich besonders gut für schwierige Themenstellungen, wo bereits eine Problemdefinition besteht, die möglichen Lösungen jedoch Bedenken und starke Emotionen bei den Teilnehmenden auslösen. Während des Dialoges soll ein Raum für kollektives Denken geschaffen werden, wo sich die Gruppe kreativ und eigeninitiativ auf ein Endresultat der Diskussion einigt.

Der Moderator* sammelt hierfür während der Gesprächsrunde alle Beiträge der Teilnehmenden und platziert diese in schriftlicher Form auf einen für alle gut sichtbaren Flipcharts. Die Themenstellung wurde in folgende Aspekte unterteilt:

·         Daten, Info

·         Problem

·         Lösungsvorschläge, Ideen

·         Bedenken

Diese Aspekte dienten als Leitfaden für die Diskussion und wurden von den Teilnehmer*n zusammen mit unserem Moderator Markus Götsch von der Kommunikationsagentur Narrativum e.U. im Kollektiv besprochen. Als Thema für unsere Workshop-Session wurde das „Bedingungslose Grundeinkommen“ ausgewählt. Nähere Details zu der Diskussion und der Auswertung erfährst du in unseren Artikel: Grundeinkommen: Definition einer gerechten Gesellschaft?“.

Aufgrund der Struktur der “Dynamic Facilitation“ Methode wird es Gruppen ermöglicht, aus vielen unterschiedlichen Perspektiven eine neue Sichtweise zu schaffen. Besonders komplexe und konfliktbehaftete Themen wie das „Bedingungslose Grundeinkommen“ können hier konstruktiv behandelt werden, da Teilnehmer* dazu aufgefordert werden, sowohl ihren Standpunkt als auch den Standpunkt der Gegenpartei zu durchleuchten und zu vertreten. Am Ende einigen sich die Gruppen auf ein Endresultat, was anschließend präsentiert und reflektiert wird. Wo liegt hier der Unterscheid zu einer diplomatischen Kompromissfindung? Markus erklärt uns:

„Im Kompromiss muss eine Partei zurückstecken. Sie tut dies aber nicht aus Überzeugung, sondern weil sie sich geschlagen gibt. So kann es sein, dass der eine oder andere mit ein wenig Bauchschmerzen nach Hause geht und kurze Zeit später in alte Verhaltensmuster zurückfällt. Bei Dynamic Facilitation hingegen kommt es nicht zu einem Schwarz-Weiss-Denken, das eine unmittelbare Entscheidung fordert. Das sogenannte „Choice-Creating“, was während der Diskussion stattfindet, animiert Teilnehmer dazu, zuerst eine Auswahl gemeinsam festzulegen bevor man sich letztendlich auf einen Konsens, nicht Kompromiss einigt. Dieser Konses entsteht aus dem zirkulären Denken der Gruppe und dem Denken in Möglichkeiten.“

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Wie lässt sich dieser Workshop am Ende des Tages zusammenfassen?  „Ein Tag des Austauschs unter Gleichgesinnten, Facilitator*en und Partizipationsbegeisterten. Ich bin sehr zufrieden“, lässt uns Markus wissen.

2. Methode: Zukunftswerkstatt


Unsere zweite gewählte Moderationsform, die „Zukunftswerkstatt“ ist eine die spezifische Partizipationsmethode, die zur Phantasie und Utopie anregen soll, um neue Ideen für gesellschaftliche Lösungen zu finden. Hier handelt es sich um eine Gegenbewegung zu Dialogpraktiken in staatlichen Institutionen, wo der Ablauf relativ bürokratisch und strukturiert ist, da die Fantasie der Teilnehmenden angeregt wird und somit eine Komplexität an möglichen Lösungen geschaffen werden kann. Menschen werden vom Objekt der Zukunftsplanung zum Subjekt der jeweiligen Problemstellungen und können somit von einem lokalen Handlungskontext größere Handlungsfelder erschließen und neu ergründen. Diese Methoden gliedert sich in vier Phasen:

·         Einstiegsphase

·         Kritikphase

·         Ideen

·         Umsetzung

Die Einstiegsphase dient zur Orientierung und zum Themeneinstieg. Hier spielt das „Kennenlernen“ eine große Rolle, um sich so besser in seinen Gesprächspartner hineinversetzen zu können.

Im Anschluss gehen die Teilnehmenden in die Kritikphase über. Hier werden Fragenstelllungen, die der Moderator* vorgibt, durchgesprochen und negative Aspekte beleuchtet. Die Kritik wird jedoch nicht analysiert, sondern erstmal nur gesammelt. Diese Taktik hilft dabei, wirklich jede Stimme der Gruppe zu hören und unreflektiert entgegenzunehmen. Somit können sich Teilnehmenden von Befürchtungen und Ängsten befreien und einen klaren Kopf bekommen, was als Grundlage für kreative Assoziationen bei der Ideenfindung in der folgenden Fantasiephase dient. Normalerweise benutzt der Moderator* hier ein Medium, das die Kritikpunkte schriftlich festhält, wie Moderationskarten, Zeichnungen oder Flipcharts

Die Fantasie- und Utopiephase im Anschluss ist der Höhepunkt dieser Moderationsmethode. Hier geht es darum, eine Gegenwelt zur Kritik zu schaffen und zu Problemen positive neue Lösungsansätze zu entwickeln. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und die Teilnehmenden werden aktiv dazu aufgefordert sich zu fragen: „Was wünsche ich mir?“ „Wie sieht eine perfekte Welt aus?“ In dieser Phase ist Fantasielockerung und Kreativmethode wichtig, um abstrakte Lösungen anzudenken. Diese Phase wird getrennt von den anderen Phasen gesehen werden. Hier darf nicht näher auf Kritiken eingegangen werden oder über die tatsächliche Realisierung von Lösungen gesprochen werden. Ideen werden spielerisch in Gruppen aufgearbeitet, beispielsweise mit einem Modellbau, wie in unserem Workshop.

Die letzte Phase befasst sich mit der Umsetzung der Ideen und umfasst einen konkreten Handlungsplan („Was muss erledigt werden“? „Wer ist beteiligt?“) Ziel ist es hierbei, die Teilnehmer* auch nach Zukunftswerkstatt zum aktiven Handeln zu motivieren („Ihren Träumen folgen.“).

In unserem Workshop leitete Andreas Schiel eine angeregte Zukunftswerkstatt über das angedachte, aber nie erbaute Bürger*forum im Regierungsviertel in Berlin. Nach der Einstiegsphase, verknüpft mit einem spannenden Vortrag der Initiative „Offene Gesellschaft“ über die Architektur eines hypothetischen Bürger*forums, konnten Teilnehmende in der Kritikphase über ihre Gedanken zu dem ursprünglichen Bauprojekt in Berlin, sowieso die Präsentation und die Grundidee eines Bürger*forums diskutieren und in der Fantasiephase zur Lösungsfindung übergehen.

 

Speziell in der Kritikphase konnte ich mal Dampf ablassen und meine Bedenken in der Gruppe äußern. Ein Bürger*forum im Regierungsviertel als Stimme des Volks? Das war für mich nicht bodenständig genug. In der Fantasiephase sprach ich dann mit Moderator Andreas über ein volksnahes Bürger*forum, das alle Bürger* auch von Außengemeinden und ländlichen Vierteln berücksichtigt. Zum Abschluss konnte ich dann in der Kleingruppe die Idee eines „Bürger*forums im Landkreis“ aufgreifen. Heinz K. 56 Jahre

 

Mehr dazu findest du in unserem Beitrag „Bürgerforum im Landkreis – Politik für Jedermann.“

 

3. Methode: Gruppendynamische Moderation aus der Organisationsentwicklung

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Diese Methode wird mit dem Ziel eingesetzt, durch gemeinsame Arbeit in Gruppen einen Lernprozess zu starten, der durch einen Gruppentrainer* unterstützt wird. Dieser Lernprozess wird auf Flipcharts festgehalten und durch eine intensive Kennenlernphase der Teilnehmenden unterstützt, um Vertrauen zu schaffen. Im Mittelpunkt stehen die offenen Diskussionen und effiziente Themenfindung, im Anschluss an die Lernphase. Den Ablauf der Methode kann der Moderator* frei mit den Gruppenteilnehmenden gestalten, das Endresultat wird dann von jeder Gruppe separat präsentiert.

In unserem Workshop starteten wir nach einer kleinen Vorstellungsrunde mit Dreiergruppen. Jeder in der Gruppe durfte sechs Minuten lang von sich selbst erzählen – ohne Unterbrechung der anderen, ohne Vorgabe bestimmter Fragestellungen. Nach Ablauf der Zeit hatten die anderen Gruppenangehörigen für je eine Minute das Wort, um zu beschreiben, was die Erzählung des anderen mit ihnen gemacht hatte. Dieses intensive Kennenlern-Format half nicht nur, eine vertraute Basis für den Lernprozess zu schaffen, sondern auch Gründe aufzuzeigen, warum das Experiment Dialog Demokratie für einen Bürger*rat so wichtig ist.

Im Anschluss beschäftigten sich Moderatorin Tina und Käthe von Es geht LOS gemeinsam mit den Teilnehmenden mit der Themenfindung für einen bundesweiten Bürger*rat. Dazu wurde allgemein diskutiert was ein Bürger*rat ist und welche Themen mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz für die Erarbeitung potentieller Lösungen wichtig wäre. In dieser Lernphase werden Ideen gesammelt, die speziell für einen Bürger*rat geeignet wären. Es herrscht Einigkeit in jeder Gruppe, dass es sich hier um Themen handeln sollte, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt behandeln – solche also, bei denen es sich um Gerechtigkeit und Fairness dreht. Nach der Lernphase begann der praxisorientierte Teil. Themenvorschläge wurden gesammelt und konkret auf das Format eines Bürger*rats zurechtgeschnitten.

Vom Klimawandel bis Sterbehilfe, von Drogenlegalisierung über Migrationspolitik bis Müllverwendung – unsere Teilnehmenden brachten sich äußerst kreativ ein. Aus insgesamt 10 Themen wurden sechs zur Bearbeitung ausgesucht. In dieser Phase ist es wichtig, dass keiner der Teilnehmenden eine eigene politische Agenda mitbringen – Reflexion und Offenheit sind bei dieser Methode äußerst wichtig. Es muss gewährleistet sein, dass alle Stimmen zu einem Thema gehört werden. Wichtig ist hier auch die Umsetzbarkeit.

Die Gruppe zur Migrationspolitik stieß beispielsweise auf erhebliche Hürden: Ein Thema, dass so viele Kompetenzbereiche der Europäischen Union schneidet, ist von erheblicher Komplexität und die Umsetzbarkeit der Lösungen auf bundesespolitischer Ebene sehr unrealistisch.

Die Gruppe zur Migrationspolitik stieß beispielsweise auf erhebliche Hürden: Ein Thema, dass so viele Kompetenzbereiche der Europäischen Union schneidet, ist von erheblicher Komplexität und die Umsetzbarkeit der Lösungen auf bundespolitischer Ebene sehr unrealistisch.

Mehr Erfolgsaussichten hatte letztendlich die Diskussion rund um die Sterbehilfe. Besonders aufgrund der ethischen Relevanz birgt es viel Raum für Diskussion und kontroverse Diskussion während es sich gleichzeitig um ein Thema handelt, das Regelungsbedarf hat und wegen seiner Tragweite voraussichtlich ohne Fraktionszwang entschieden werden würde.

Die Debatte um die drei genannten Themen in der großen Gruppe war sehr angeregt und konnte gegen Ende spannende Resultate erzielen.

 

Reflexionsrunde, Präsentation und Umtrunk

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Nach einem ereignisreichen Nachmittag gingen wir zur Abschlusspräsentation über, wo jede Gruppe über ihren Tag und ihre Erfahrungen im Workshop referierte. Auch die Endresultate wurden per Gruppe präsentiert und kurz durchdiskutiert. Es fand ebenfalls eine Reflexion über die Moderationsmethoden statt, was zu einem spannenden Austausch führte. Besonders die Methode „Zukunftswerkstatt“ wurde von Teilnehmenden als sehr hilfreich bewertet. Konnten wir den Teilnehmern das Konzept des Bürger*rats mit diesem Workshop näherbringen?

 

Bevor ich bei dem Experiment Dialog Demokratie teilnahm, hatte ich nur eine sehr abstrakte Vorstellung von der Idee eines Bürger*rats. Jetzt weiß ich, dass eine Bürger*beteiligung an politischen Prozessen unglaublich wichtig ist. Das Erlebnis einer aktiven Beteiligung, die mich dazu befähigt, aktiv als einzelner Bürger wahrgenommen zu werden ist großartig und sollte in den Mittelpunkt einer Demokratie stehen. Politik muss transparenter werden, damit jedem Gehör geschenkt werden kann. Ein Bürger*rat, der zum interaktiven Austausch anregt, ist eine großartige Initiative! Agatha S., 28 Jahre

 

Im Anschluss an die Gruppenpräsentationen wurden die Teilnehmenden zum gemütlichen Umtrunk und Networken eingeladen.


Wir freuen uns auf deine Beteiligung beim nächsten Experiment Dialog Demokratie im Mai in Hannover!